Site logo

Scheitern – oder die Gnade des Neubeginns

Scheitern – oder die Gnade des Neubeginns

[schei · tern]: „Unter Scheitern (oder Misserfolg) versteht man, wenn ein Ziel nicht erreicht wird, wenn also etwas misslingt und nicht den erwünschten, angestrebten Erfolg hat. Dafür gibt es zahlreiche bedeutungsgleiche oder -ähnliche Verben, beispielsweise versagen, straucheln, sich nicht durchsetzen, stranden und zu Fall kommen. Das Wort stammt aus dem 17. Jahrhundert; es bildete sich aus dem Substantiv Scheiter (von Scheit und (Holz-)Scheit, in Stücke gehen).“ (Scheitern (Misserfolg), Wikipedia)

Scheitern wird hier im Kontext von ehrbarem Bemühen verstanden, das nicht den Nachteil oder die Schädigung anderer Menschen zum Ziel hat. Man bereitet sich umfassend auf eine Prüfung vor, im entscheidenden Moment versagen die Nerven und man fällt durch; man investiert viel in die Beziehung und Freundschaft zu einem Anderen und irgendwann zerbricht diese; als Paar steht man gemeinsam vor dem Traualtar und einige Jahre später vor dem Scheidungsrichter; man schreibt tolle Bücher und keiner liest sie; man gründet eine Firma und endet in der Insolvenz; man erlebt als engster Vertrauter Jesu das eigene Versagen durch dreimaliges Verleugnen als sein Freund und Mitarbeiter…

Gibt man in den BibleServer des ERF den Begriff „Scheitern“ ein, dann stellt man überrascht fest, dass in der Lutherübersetzung 2017 keine einzige Bibelstelle dazu ausgegeben wird – im Gegensatz dazu allerdings 23-mal in der „Hoffnung für Alle“, fünfmal in der „Neues Leben. Die Bibel“ – und immerhin noch einmal in der „Elberfelder“. Bis auf eine einzige Ausnahme beziehen sich alle aufgeführten Bibelstellen auf das AT, nur in Apg 5,3 In den anderen Bibelausgaben findet man für das Scheitern u.a. folgende Umschreibungen:

  • kein Glück, keinen Erfolg oder kein
  • Gelingen haben
  • die Pläne zuschanden werden oder
  • vereiteln lassen
  • die Hoffnung zerstören
  • nichts vermögen, ausführen oder
  • ausrichten können
  • der Gerechte wird nicht wanken
  • mit Schimpf und Schande sollen sie
  • überschüttet werden
  • sie werden fallen

Interessant ist aber, dass in den meisten aufgeführten Bibelstellen nicht vom eigenen Scheitern die Rede ist, sondern von Menschen, die Übles und Schlechtes gegen Gott und sein Bodenpersonal im Schilde führen – die Bibel scheint hier einen weiteren (als den heute oft verstandenen) Bedeutungshorizont für „Scheitern“ anzusetzen…

AUS SCHEITERN WIRD MAN KLUG, DARUM IST EINMAL NICHT GENUG!

Es bedeutet immer ein Risiko, wenn man wagt, etwas Neues, etwas anderes zu tun, was man zuvor noch nie getan hat. Man läuft Gefahr, zu scheitern. Betrachtet man die Biografien von erfolgreichen Menschen, dann entdeckt man sehr häufig, dass es Personen waren, die mehr als einen Versuch wagen mussten, bis sie erfolgreich wurden.

Von Thomas Alva Edison wird berichtet, dass er allein für die Erfindung der Glühbirne mehr als 9.500 kleine Kohlefäden ausprobiert hatte, bis er den richtigen fand, der die Glühbirne dauerhaft zum Leuchten brachte. „Niemals aufgeben! Unsere größte Schwäche ist das Aufgeben. Der sicherste Weg zum Erfolg besteht darin, immer wieder einen neuen Versuch zu wagen“, sagte Edison. Scheitern als Schlüsselqualifikation – dieser Grundsatz ist als Leitmotiv scheinbar unabdingbar.

Es gab in meinem Leben viele Ereignisse und Phasen, in denen ich das Gefühl hatte, kläglich gescheitert zu sein, jämmerlich versagt zu haben. Die bis heute schmerzhafteste und herausforderndste Erfahrung persönlichen Scheiterns erlebte ich Mitte der 1990er Jahre. Ich war damals Anfang 30, jung verheiratet und hatte zwei kleine Kinder. Als Dipl.-Ing. für Holz- und Kunststofftechnik arbeitete ich nach meinem dualen Studium bereits seit über sechs Jahren als technischer Angestellter bei einem renommierten Polstermöbelhersteller in der Arbeitsvorbereitung. Das Gehalt war angemessen und sicherte mir und meiner Familie die wirtschaftliche Existenz. Die äußeren Rahmenbedingungen passten – aber die Tätigkeit selbst forderte mich von Anfang an sehr heraus, entsprach immer weniger meinen Wertevorstellungen und gab mir keine innere Befriedigung. Innerlich wurde ich immer ungeduldiger und unzufriedener: mit meinem Job, meinen Kollegen und Vorgesetzten, mit meinen Kindern und meiner Frau, mit meiner Gemeinde, meinem Glauben, mit Gott… Die Unzufriedenheit durchzog wie ein Schimmelpilz alle Bereiche meines Lebens und vergiftete mich zunehmend. Um es kurz zu machen: Als der Frust immer größer und ich die Umstände für immer unerträglicher hielt, kündigte ich und machte mich mit einem „Leidensgenossen“ selbstständig im Bereich „Computervertrieb, -Training und -Service“.

Als GmbH-Geschäftsführer musste ich das Geld für die Einlage von 25.000 DM selbst aufbringen. Nach langem Suchen fand ich schließlich eine Bank, die mir den notwendigen Kredit gewährte (was ich als Zeichen und Bestätigung Gottes interpretierte), und der Selbstständigkeit stand nichts mehr im Wege. Ich war willens, motiviert, jung, dynamisch… 

Ich gab sechs Tage in der Woche von morgens bis abends Computerkurse und mein Bestes und nach etwa einem Jahr wieder auf. Die Firma trug sich wirtschaftlich nicht, die Bank verlangte private Bürgschaften von uns – die konnte ich nicht aufbringen. Für 1 DM übertrug ich meine Geschäftsanteile an meinen Partner, war vier Monate arbeitslos, hatte über 32.000 DM Schulden, eine Familie mit zwei kleinen Kindern und wusste nicht mehr, wie es weitergehen sollte. Aber das „Ende mit Schrecken“ war die einzige Möglichkeit, nicht noch tiefer in den finanziellen Ruin zu rutschen. Alle Ersparnisse waren aufgebraucht oder steckten im Aufbau der Firma.

WAS WERDEN AUCH DIE LEUTE SAGEN…

Ich verstand die Welt nicht mehr – und ich verstand Gott nicht (mehr)! Habe ich ihn jemals richtig verstanden? Vielleicht hat ER mich nicht richtig verstanden? War es nur ein (weiterer) „Ego-Trip“ von mir? Ein Traum, eine Illusion? War ich eitel, hochmütig, naiv oder zu selbstbewusst? Habe ich mich, meine Fähigkeiten und Motive so überschätzt? Bildete ich mir Kompetenzen und Begabungen ein, über die ich gar nicht verfügte? Wie sollte es nun weiter gehen? Wie bringe ich meine junge Familie durch und werde wieder schuldenfrei? Wie trete ich meinen Kunden gegenüber auf und wie erkläre ich ihnen meinen Austritt aus der Firma, mein Scheitern, mein Versagen? Was werden auch die Leute sagen…? 

Mein Selbstbewusstsein war im Keller. Ich schien ins Bodenlose zu stürzen. Ich war ganz unten. Wenn man mit dem Gesicht im Dreck liegt, sieht man das Licht am Ende des Tunnels nicht! Scham, Schuldgefühle, das Versagen zerrten an mir Tag und Nacht. Verzweifelt versuchte ich, so schnell wie möglich wieder einen Job zu bekommen, bewarb mich, wurde zu Vorstellungsgesprächen eingeladen, musste immer wieder erklären, weshalb ich als GmbH-Geschäftsführer aus meiner Firma ausgeschieden bin und nun wieder einen Job im Angestelltenverhältnis suchte. Ich musste Arbeitslosen- und Wohngeld beantragen usw. Es war teilweise sehr erniedrigend für mich. Ich musste das Unerklärliche erklären, für das ich selbst keine Antwort hatte. 

Die finanziellen Schulden hatten wir mit Sparsamkeit, Disziplin und der Gnade Gottes nach sieben langen, entbehrungsreichen Jahren abbezahlt. Aber die Schuldgefühle über mein Unvermögen, meine Naivität sind bis heute unterschwellig noch manchmal präsent. Mittlerweile kann ich sie aber stehen lassen und muss mich damit nicht mehr selbst quälen. Es sind zwischenzeitlich – Gott sei’s gedankt – viele und wichtige Reifungs- und Heilungsschritte erfolgt. Weil Gott meine Schuld vergeben hat, darf ich auch mir selbst vergeben.

HINFALLEN, AUFSTEHEN, KRONE RICHTEN UND WEITERGEHEN

Mit noch mehr Sparsamkeit, Disziplin und Gnade Gottes haben sich über die vergangenen25 Jahre neue Wege für mich aufgetan! Gott begann, den Mist meines Lebens in wertvollen Dünger zu verwandeln – für mich und andere. Ich erlebte damals an Leib und Seele, was ich Jahre später in verschiedenen Ausbildungen und der praktischen Arbeit mit anderen Menschen noch intensiver lernen sollte: die Zusammenhänge von Depressionen, Ängsten, Minderwertigkeitsgefühlen, Burnout/Boreout sowie Anpassungsstörungen – das Spektrum ist groß im Fahrwasser des Scheiterns und Versagens. 

Heute arbeite ich nebenberuflich als christlicher Personal-Coach und Heilpraktiker für Psychotherapie in eigener Praxis. Ich unterstütze und begleite erwachsene Menschen – insbesondere Männer – im Spannungsfeld zwischen Beruf, Familie, Partnerschaft und Ehrenamt. Ich darf sie ermutigen, mit Gottes Hilfe einmal mehr aufzustehen als hinzufallen, und sie in eine tiefere Beziehung mit dem gnädigen und barmherzigen Gott führen.

„Weil Gott meine Schuld vergeben hat, darf ich auch mir selbst vergeben.“

Michael Pleschka, Jg. 1964, ist seit 34 Jahren verheiratet mit Monika, hat 2 erwachsene Kinder sowie 1 Enkelkind und wohnt in Unterschwandorf bei Haiterbach. 

www.Pleschka-CoachingAndMore.de

Weitere inspirierende Artikel aus der C-STAB Community

Dez 19
Imaginäre Begleiter

Imaginäre Begleiter In der therapeutischen Begleitung gibt es Imaginationsübungen.…

Dez 19
Scheitern – oder die Gnade des Neubeginns

Scheitern – oder die Gnade des Neubeginns [schei · tern]: „Unter Scheitern (oder…

Nov 19
„Hochsensibilität“ – ein Geschenk?!

Nicht jedes Geschenk erzeugt beim Beschenkten eine große Dankbarkeit und Freude. Auf…

Dez 19
Der Frosch, Von der Sehnsucht nach Lebendigkeit

Von der Sehnsucht nach Lebendigkeit Kennen Sie die Geschichte vom Frosch? Eine nette…